Magazin-Einblick #2: Alte & Neue Spiritualität

In unserem Forum für Neurosensitive hat sich eine spannende Diskussion über das Thema "alte und neue Spiritualität" ergeben. Dieser Artikel fasst diese Diskussion zusammen und möchte die Fragestellung "was ist der Unterschied zwischen alter und neuer Spiritualität" beleuchten.

 

von Eliane Wettach

 

 

Die Diskussion hat dazu geführt, dass vor allem Unterschiede und wenige Gemeinsamkeiten zwischen alter und neuer Spiritualität ausgearbeitet wurden. Die wichtigsten Diskussionspunkte sind in dieser Tabelle zusammengeführt:

SUBJEKTIVE ERFAHRUNG DES HEILIGEN

 

Von der wissenschaftlichen Definition ausgehend, die die Spiritualität als die «subjektive Erfahrung des Heiligen» bezeichnet (Vaughan, 1991, S. 105), möchte ich anhand der Diskussion veranschaulichen, was das für jeden von uns bedeutet kann. Dabei fasse ich die Aussagen der Diskussionsteilnehmenden zusammen.

Als Einstieg nutze ich die Aussage von Donatus Minio: «Vielleicht können wir die neue Spiritualität als eine aufgeweckte Spiritualität, die Spiritualität des neuen Paradigmas, wo es nicht mehr nur um „alles ist Licht und Liebe“ geht, bezeichnen.» Spannend finde ich die Ergänzung von Alison Bailey: «Die neue Spiritualität könnte auch  eine geerdetere und ausgeglichenere Art von Spiritualität sein, die beispielsweise die Wissenschaft integriert, statt sich davon abzuheben.»
 
Die Aussagen sind subjektive Erfahrungen von beiden Diskussionsteilnehmenden. Damit möchte ich aufzeigen, dass in der neuen Spiritualität die subjektive Wahrnehmung eine äusserst wichtige Rolle einnimmt (vgl. Punkt 8 in der Tabelle). Denn spirituelle Erfahrungen sind an sich intensive psychische, höchstpersönliche Zustände und Erfahrungen, die direkte Auswirkungen auf die Lebensführung und die ethischen Vorstellungen der Person haben (vgl. Fussnote).

In der Diskussion wird differenziert zwischen einer von der alten Spiritualität geprägten Auffassung, welche von der Aussenwelt in das Innere der Rezipienten strömt und derjenigen der neuen Spiritualität, welche sinngemäss von der Wahrnehmung der Innenwelt nach aussen fliesst (vgl. 1, 2). Der Zugang zu «religiösem» Wissen scheint in der alten Spiritualität vor allem durch das Priestertum gegeben worden zu sein, welches hierarchisch von oben nach unten Regelungen und Dogmen übermittelt hat. Dieser Zugang zu religiösem Wissen wird durch eine beschränkte, aufgesetzte, wenn nicht gar fremdbestimmte Art gegeben, welche grösstenteils in die Abhängigkeit und in eine opferhaltige Dienerschaft mündet (vgl. 3, 7, 9, 11, 17, 21).


Aus der Diskussion schliesst sich, dass in der neuen Spiritualität wir von innen heraus wahrnehmen. Mit der Sicht aus lauter subjektiven Perspektiven können wir nicht von einer absoluten Wahrheit sprechen. Claudia Baumann fügt bei: «Dies kann entlasten. Einfach wahrzunehmen, wie ich es wahrnehme, ohne es in die Verstandes-Schublade zu stecken und dies analysieren und rechtfertigen zu müssen. Somit könnte die neue Spiritualität auch eine „einfachere“ Spiritualität sein.»

 

WIE KÖNNTE DIESE EINFACHERE SPIRITUALITÄT AUSSEHEN?

 

Zum Beispiel ist für Hana Hahne die Schlüsselaussage: «Von innen nach außen in die Verbindung zu allem. Wenn ich wahrnehme, wie sehr die Menschen sich von der äusseren Welt (d.h. all die Systeme, denen wir täglich ausgesetzt sind mit ihren Glaubenssätzen und Überzeugungen) regieren lassen und dies für wahr halten, dann kann der neue Weg vielmehr das Wahrnehmen der inneren individuellen Wirklichkeit sein. Dazu gehört für mich eine gewisse bewusste Abkehr vom Denken hin zum Spüren oder zum intuitiven Erahnen, wie auch immer das jeder für sich nennt. Und das ist ja letztendlich die ultimative Einfachheit, denn ich brauche dafür nichts außer mich selbst.»

 

KÖRPER-GEIST-SEELEN-SYSTEM

 

Eine andere Art, wie eine einfachere Spiritualität zu benennen wäre: Wir nehmen ganzheitlich wahr, nämlich über unser eigenes Körper-Geist-Seelen-System.

Wir halten in der Diskussion fest, dass der spirituelle Sinn nicht rein über das geistig-intellektuelle zu erfassen ist, sondern primär über unser ganzes Körper-Geist-Seelen-System. Dazu braucht es nicht nur religiöse Texte und Verbildlichungen, sondern vor allem den Zugang zur Spiritualität über die Intuition, das innere Seelenwissen, die geistige Welt, über die Natur und das Universum (vgl. 5, 11, 12, 19, 23, 25, 26). «Es gibt so viele Bücher und Anleitungen, die darüberschreiben, wie es zu sein hat und wie wir uns verbinden können. Für mich könnte die neue Spiritualität auch damit zu tun haben, dass das spirituelle Erleben nicht definiert wird», schliesst Claudia Baumann daraus. Mit einem offenen Geist sind wir fähig zu Erahnen und Erspüren (vgl. 20). Marc Andereggen betont: «Gleichwohl können wir mit einer intellektuellen Herangehensweise Begrifflichkeiten nutzen, um das diffuse Erlebnis einzuordnen, sich neu zu verorten und um den Erlebenszustand zu begreifen».

Im Laufe der Unterhaltung wird immer wieder Wert auf unseren Körper gelegt, welcher unser Nervensystem und unser Herz miteinschliesst. «In der alten Spiritualität wird der Körper hingegen vernachlässigt. Im Einbezug des Körpers sehe ich den grossen Unterschied zwischen alter und neuer Spiritualität. Dieser finde ich so wichtig und wertvoll – die neue Spiritualität könnte somit mit dem Hinweis auf «Erdung» kombiniert werden.» hebt Petra Bürge hervor (vgl. 6).

 

8 MILLIARDEN ARTEN DER ERFAHRUNG?

 

Im Kontext der Körperlichkeit wird diskutiert, ob Unterschiede wie im Geschlecht in der neuen Spiritualität eine Rolle spielen. Ich gehe davon aus, dass das Körpersystem von Frau und Mann sich zum Beispiel im Schmerzempfinden unterscheidet. Wir verarbeiten immer noch Prägungen, Alt-Lasten, Glaubensätze und Traumata. Wenn Frauen beispielsweise ihre Geschichten aufarbeiten, kann die Spiritualität in Form von Frauenkreisen heilend und integrativ sein. Sie helfen ein neues Verständnis für den eigenen Körper, wie auch für die spirituelle Anbindung zu entwickeln.

 

Gerade weil das spirituelle Erlebnis eine sinnlich, körperlich-geerdete Erfahrung ist, können wir unsere körperlichen Eigenheiten nicht ausschliessen. Das körperliche Empfinden miteinzubeziehen gehört meines Erachtens noch zu unserer Zeit. Dies führt dazu, dass körperliche Unterschiede vorhanden sind: Im Erlebnis, in der Erfahrung, im geschichtlichen, sozialen und gesellschaftlichen Kontext.

Die Frage die sich jetzt stellt: Inwieweit spielt der Körper wirklich eine Rolle, wenn wir von der spirituellen Erfahrung sprechen? Sind wir auf spiritueller Ebene alle gleich? Bedingt unseren Körper die spirituelle Erfahrung? Oder kommt es auf unseren Körper im Hinblick auf die spirituelle Erfahrung letztlich gar nicht an? Christine Range’s Meinung dazu finde ich als Antwort treffend: «Bloss weil man Erfahrungen nicht in weiblich und männlich unterscheidet, heisst es meiner Meinung nach noch nicht, dass sie für alle gleich sind. Ganz im Gegenteil: Vielleicht gibt es sogar so viele Erfahrungen wie es Menschen gibt, also über acht Milliarden verschiedene Arten von Erfahrungen (vgl. 15, 16)?

 

BEWUSSTSEINSFELD

 

Wir kommen zum Schluss, dass die neue Spiritualität eine Erfahrung im Bewusstseinsfeld bedeutet, welche für alle zugänglich ist. Trotz Individualität oder Intersubjektivität, wird die neue Spiritualität von den meisten ähnlich erfahren, nämlich als ganzheitlich, integrierend und zusammenhängend (vgl. 18, 28).
 
In der alten Spiritualität hingegen kommt jeweils nur der religiöse Kontext (christlich, buddhistisch, jüdisch, etc.), in den man meist hinein geboren wurde, in Frage. Somit können wir eher von einer ausschliessenden und begrenzten Erfahrung sprechen (vgl. 17, 27). Auch wenn die Erfahrung in der Dualität uns auf Erden noch weiter begleiten wird, können wir doch sagen, dass wir uns der Erfahrung der Non-Dualität in der Dualität annähern. Indem wir die Seele ganz in unser Körper-Geist-System inkarnieren, dürfen wir gleichzeitig eine sich stetig vertiefende Erfahrung der All-Verbundenheit erleben, welche verbindet und nicht trennt (vgl. 13, 14). Aus Sicht der inkarnierten Seele sind wir im Stande uns auf Augenhöhe zu begegnen, und erkennen, dass wir in unserer Essenz selbstbestimmte, eigenverantwortliche Schöpferwesen sind, die von innen heraus, intuitiv-geführt kreativ wirken, und die im Stande sind, Neues und vor allem Nachhaltiges zu erschaffen (vgl. 4, 10, 22, 24).


Fussnote: https://de.wikipedia.org/wiki/Spiritualit%C3%A4t (15.08.2022)

 

 

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